Die Garnisonkirche, Turquerie und Zwangstaufen

Dies ist ein Gastbeitrag von Stefan Theilig

Die Garnisonkirche ist ein Wahrzeichen Potsdams. Zu der Kirche selbst gibt es eine lange Geschichte. Im 2. Weltkrieg brannte sie aus, dann wurde sie von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gesprengt und 2017 begann der Wiederaufbau . Uns interessiert sie vor allem wegen ihrer kolonialen Bezüge. Während des 17. und 18. Jahrhunderts wurden in der Garnisonkirche Schwarze Menschen und People of Color zwangsgetauft.

Turmbau mit Nagelkreuz 2020 (Foto: Stephanie Hochberg SGP)

 

Im 17. Jahrhundert wollte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm Brandenburg-Preußen als Kolonialmacht etablieren. Er beteiligte sich wie England, Spanien und andere europäische Mächte am transatlantischen Versklavungshandel. Mit der Kolonie Großfriedrichsburg an der westafrikanischen Küste hatte Brandenburg-Preußen einen Stützpunkt für den Handel. Friedrich Wilhelm ordnete an, dass Afrikaner*innen in die Versklavung verschleppt wurden. Außerdem konnten damals Afrikaner*innen auf Versklavungsmärkten in Amsterdam oder London gekauft werden als wären sie Ware und keine Menschen. Es war eine Mode Diener*innen bei Hofe zu beschäftigen, die als exotisch-orientalisch wahrgenommen wurden. Einmal in Europa angekommen, war es fast unmöglich für Afrikaner*innen, sich eine unabhängige Existenz aufzubauen. Sie fielen auf. Ihr juristischer Abhängigkeitsstatus war eine weitere Hürde.

Außerdem gab es zwischen dem 16. Und 18. Jahrhundert die so genannten Türkenkriege oder Osmanenkriege. Bei diesen Kriegen zwischen dem osmanischen Reich und verschiedenen europäischen Staaten wurden Tausende Osman*innen in Territorien des Reiches verschleppt. Diese Verschleppten wurden ebenfalls zu Diener*innen an europäischen Höfen gemacht.

Der europäische Exotismus dieser Zeit wird „Turquerie“ genannt. Dabei handelt es sich um Imaginationen vom Orient als Ort des „Anderen“. Es ging dabei weniger darum wie das osmanische Reich oder Nordafrika wirklich war. Viel mehr drückt die Turquerie eine Fantasie vom Luxus des Orients aus. Viele der verschleppten Menschen sollten nun diese Vorstellungen erfüllen. Die Modeerscheinung der Turquerien zeigt deutliche Parallelen zur Chinoiserie über die wir beim Chinesischen Haus im Park Sanssouci sprechen.
Über die Lebensgeschichten der Schwarzen Menschen und People of Color ist kaum etwas bekannt. Zumeist waren es Kinder oder junge Frauen, die als Gesellschafterinnen ausgewählt wurden. Junge Männer fanden sich an den Höfen oft als einfache Bedienstete.

Kirchenbücher belegen, dass viele dieser Bediensteten sich taufen ließen. Die Taufe beendete die Kriegsgefangenschaft bzw. Leibeigenschaft. Durch den Beitritt zum Christentum wurden die Afrikaner*innen und Osman*innen zumindest juristisch gleichberechtigte Bürger*innen. Christliche Geistliche bereiteten sie mit Religions- und Deutschunterricht sowie einer Art Gesellschaftskunde auf die Taufe vor. In Potsdam wurden solche rituelle Taufen vor allem hier in der Garnisonkirche vollzogen.
Mit dem Ende der großen Türkenkriege verschwand diese zweifelhafte Mode wieder.

Das Glockenspiel der Garnisonkirche, heute auf der Neuen Plantage im Potsdamer Stadtzentrum (Foto: Y. Le Gall)

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