„Ruß-Petes. Ich nenne das „Blackface Light“ -
Interview mit Jessica de Abreu

Jessica de Abreu ist Anthropologin und Aktivistin und Mitbegründerin der Black Archives, einem Projekt mit Sitz in Amsterdam, das die Geschichte der Emanzipation von BPoCs in den Niederlanden, in ihren ehemaligen Kolonialgebieten und anderswo dokumentiert. Wir freuen uns, dass sie sich bereit erklärt hat, unsere Fragen zu beantworten. Insbesondere zu ihrer Beteiligung an der Bewegung, welche rassistische und koloniale Bilder der Sinterklaas-Feierlichkeiten kritisiert. Einer niederländischen Tradition, welche nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Potsdam stattfindet.


Postcolonial Potsdam: Kannst du dich bitte vorstellen?

Jessica de Abreu: Ich heiße Jessica de Abreu, ich bin in Amsterdam geboren und aufgewachsen. Ich bin Anthropologin und Aktivistin und organisiere Demonstrationen gegen Zwarte Piet, einem Symbol für den institutionellen Rassismus in den Niederlanden.

PP: Wer ist Zwarte Piet und warum ist diese Figur rassistisch?

Jessica de Abreu: In den Niederlanden feiern wir eine Tradition für Kinder, namens Sinterklaas. Auf Englisch, Französisch und Deutsch kennt man ihn mit dem Namen St. Nicholas oder St. Nikolaus.  Er ist ein weißer alter Mann, welcher stets von seinem Helfer namens Zwarte Piet (Schwarzer Peter) begleitet wird. Zwarte Piet wird dabei von einer weißen Person gespielt, welche sich das Gesicht schwarz bemalt, eine Afro-Perücke trägt und durch dicke rote Lippen und große goldene Ohrringe zu erkennen ist. Betrachten wir die Geschichte kolonialer Darstellungsweisen, sehen wir hier im Grunde den Vorgang des Blackfacings, eine Art von Darbietung, in der eine Nicht-Schwarze-Person die Rolle einer Schwarzen Person in erniedrigender Weise übernimmt. Der Schwarze Charakter ist dabei immer dumm, töricht und faul. Dies bewahrt im Wesentlichen koloniale Stereotype. Die Tradition des Zwarte Piet sagt viel über die niederländische Vergangenheit und koloniale Sichtweisen aus, zumal die Niederlande eine große Rolle in der Geschichte der Versklavung und des Kolonialismus gespielt haben. Diese Geschichte wird in unserer Gesellschaft noch oft zum Schweigen gebracht.

Jessica de Abreu bei einem Vortrag im Dezember 2015

PP: Kommt diese Tradition woanders als in den Niederlanden vor?

Jessica de Abreu: Sinterklaas ist ein niederländischer Import. Das bedeutet, dass es wahrscheinlich überall dort zelebriert wird, wo Niederländerinnen und Niederländer sind. Zum Beispiel in Potsdam, wo es eine niederländische Gemeinde gab und wo es ein holländisches Viertel gibt. Das ist der Grund, warum man es dort feiert. Wir hoffen mit unseren Demonstrationen die Diskussion über Kolonialismus, Versklavung und institutionellen Rassismus in den Niederlanden zu entfachen und aufzuzeigen, dass das Erbe dieser vergessenen Geschichte von internationaler Bedeutung ist. Denn wenn Niederländer*innen über ihre Grenzen hinausgehen, nehmen sie diese koloniale Tradition mit, und auch dort sollte es thematisiert werden.

PP: Seit wann bist du aktives Mitglied dieser Bewegung?

Jessica de Abreu: Die Geschichte um die Anti-Zwarte-Piet-Bewegung ist eine Geschichte für sich. Eines der großen Missverständnisse ist, dass man glaubt, die heutigen Proteste gegen den Zwarte Piet seien neu. Das ist nicht wahr. Menschen protestieren seit den achtziger und neunziger Jahren. Wenn man in die Archive schaut, dann liest man, dass bereits in den fünfziger Jahren der schwarzhäutige Charakter des Zwarte Piet und Blackfacing allgemein in Frage gestellt wurde.
Ich habe 2014 angefangen, drei Jahre nach dem ersten Protest dieser neuen Bewegung, die mich inspiriert hat. Im Jahr 2011, während der Nationalparade, trugen die Aktivisten Quinsy Gario und Jerry Afriyie T-Shirts, auf denen stand: „Zwarte Piet is Racisme“ (Zwarte Piet ist Rassismus). Sie wurden dafür brutal verhaftet. Die gewalttätige Intervention der Polizei verärgerte zahlreiche Leute. Das zeigte auch, dass man in den Niederlanden nicht über Rassismus sprechen darf. Danach, in den Jahren 2012 bis 2014, folgten landesweite Debatten und Diskussionen. 2014 beschlossen wir, das Bündnis “Kick out Zwarte Piet” (KOZP) zu gründen, eine Koalition von vier Initiativen, die von Schwarzen Menschen und People of Color geleitet werden: „Zwarte Piet Niet”, “Stop Blackface”, “Nederland Wordt Beter” und “Zwarte Piet is Racisme”. Wir benutzen Zwarte Piet als Symbol, um den institutionellen Rassismus in den Niederlanden zu bekämpfen. Mit den Protesten wollen wir eine öffentliche Debatte beflügeln und größere Aufmerksamkeit auf die Unterschiede in der niederländischen Gesellschaft lenken, besonders im Hinblick auf Diskriminierung und rassistisch motivierte Ungleichheiten bei Menschen- und Bürgerrechten.

PP: Siehst du Änderungen in den Reaktionen zu eurer Bewegung, im Vergleich zu 2011? Wird eure Botschaft heute teilweise von der weißen niederländischen Gesellschaft anerkannt?

Jessica de Abreu: Am Anfang gab es eine große Gegenreaktion, vor allem weißer Niederländer*innen, die die Tradition nicht als rassistisch betrachteten, weil viele von ihnen denken, dass Zwarte Piet durch den Schornstein ging und sein Gesicht deswegen schwarz von Ruß wurde. Wenn man jedoch einen Blick in das Kolonialarchiv wirft, taucht Zwarte Piet zum ersten Mal in der Literatur als ein Schwarzer auf, der 1850 in einem Kinderbuch als Diener auftritt. Und er ist dankbar dafür, dass er ein Diener des alten weißen Sinterklaas ist. Wir versuchen also, in dieser öffentlichen Debatte mehr das Erbe des Kolonialismus zu thematisieren, als die reine Kindertradition. Diese Vorstellung, dass das Fest nichts mit Sklaverei und Kolonialismus zu tun hat, ist so tief in der Gesellschaft verwurzelt. Es war nicht nur eine verbreitete Idee rechts-konservativer Politiker, sondern auch im linken Flügel. Was für uns ziemlich gefährlich sein kann, denn wo können wir dann nach Verbündeten suchen? Vor fünf Jahren und noch früher konnte man größtenteils nur Schwarze Aktivist*innen und vereinzelte weiße Aktivist*innen vorfinden, welche die Proteste begleiteten. Die Gesellschaft hat sich in die Lager Schwarz vs. weiß geteilt, mit einem grauen Bereich dazwischen. Dank der Arbeit Schwarzer Aktivist*innen wurden die Leute ein bisschen besser informiert und viele erkannten den emotionalen Wert dieser empfindlichen Angelegenheit. Über die Jahre wurde dieser graue Zwischenbereich grauer, dunkler, was wirklich gut ist. Seit 2018 und vor allem 2019 sehe ich immer mehr weiße Aktivist*innen, was mich stolz macht. Denn sie haben Zugang zu Teilen der Gesellschaft, wo sie über dieses Problem sprechen können, wo sie ihre Geschichten teilen können. Hoffentlich ist das der Wendepunkt. Heute, nach Jahren der Proteste und Fürsprache, gibt es immer mehr Stimmen aus der Zivilgesellschaft, die recherchieren und mehr kritische Artikel über die Tradition schreiben, und auch über Menschenrechtsverletzungen während der Proteste. Zwarte Piet befindet sich im Moment im Wandel. Doch die Lösung, die oft vorgeschlagen wird, sind diese sogenannten „Soot Petes“ (Ruß-Petes), nicht komplett schwarz, aber mit Schmieren von Ruß auf ihrem Gesicht. Ich nenne das „Blackface Light“. Es ist immer noch eine Ausrede, um die Darbietung des Blackface fortzuführen.

"Ruß-Petes" auf dem Sinterklaasfest in Potsdam im Dezember 2019 (Foto: Lillian Dam Bracia)

PP: Seit 2016 haben sich in Potsdam die lokale Organisation zur „Pflege der niederländischen Kultur“ und ihre niederländischen Partner für diese Ruß-Petes ausgesprochen. Die Sinterklaas Festivitäten finden immer noch statt und Darstellungen von Blackfacing können immer noch betrachtet werden, zum Beispiel auf dekorativen Girlanden. Wenn der Vorschlag der Ruß-Petes immer noch eine Ausrede ist, wie du sagtest, was würdest du empfehlen?

Jessica de Abreu: Ich kenne nicht den genauen Kontext von Potsdam, aber erlaubt mir zu sagen, dass ich nicht an die Neuerfindung der Traditionen um Sinterklaas und Zwarte Piet glaube. Ich denke es sollte vollkommen abgeschafft werden. Es ist etwas, an dass ich nicht erinnert werden möchte, solange die Folgen von Sklaverei und Kolonialismus immer noch zu spüren sind. Darüber sollten wir in erster Linie sprechen. Ich habe kein Interesse daran über diese Figur an die gewaltvolle Kolonialgeschichte erinnert zu werden. Lass uns ein für alle Mal gemeinsam hinsetzen und über die Gewalt gegenüber Schwarzen sprechen, über Menschenrechte, und über die Re-Humanisierung unserer Gesellschaft.

PP: In letzter Zeit erlangen weiße Nationalisten immer mehr Macht und Einfluss in Europa und den USA. Siehst du diese Entwicklung als Antwort auf eure Proteste?

Im Jahr 2018 haben wir beschlossen, in 18 Städten gleichzeitig sichtbar zu sein, also brauchten wir viel mehr Menschen. Deshalb schlossen sich viele weiße Niederländer*innen unserer Demonstration an. Im Internet lassen sich Aufnahmen über Proteste in Eindhoven finden, auf denen weißen Frauen von Nationalisten als Verräterinnen beschimpft und angegriffen werden. Man findet online auch Bilder von Jerry Afriyie, einem Pionier unserer Bewegung, wie er von Eiern beworfen wird. Es gibt mittlerweile so viele wütende weiße Männer, die kleine Gruppen von Aktivisten angreifen. Die Situation entwickelte sich sehr rabiat. Es scheint, im Rückblick auf vergangene Jahre, dass je mehr von der Wahrheit über die Geschichte von Zwarte Piet gesagt wird, dass je mehr wir über die Auswirkungen von Sklaverei und Kolonialismus sprechen, umso mehr Nationalist*innen und rechts gesinnte Personen frustriert werden und sich die Proteste immer gewalttätiger entwickeln. Menschen werden mittlerweile nicht nur physisch verletzt, sondern auch stark emotional und psychologisch.

PP: Museen und kulturelle Institutionen haben begonnen die koloniale Geschichte und ihr Vermächtnis anzusprechen. Glaubst du, dies wird dazu beitragen eine breitere Anerkennung dieser Vergangenheit zu erreichen und Rassismus in Europa zu bekämpfen?

Jessica de Abreu: Das ist eine schwierige Frage. Da bin ich nicht so optimistisch. Die Proteste zwischen 2011 und 2014 lösten ein Echo in der Berichterstattung aus und schafften es sogar in die 20 Uhr Nachrichten. Sie wurden in Museen diskutiert und sogar bei der Polizei, wo es Debatten über Racial Profiling gab. Seitdem haben vor allem Kunst und Kultur die Auseinandersetzung über das Vermächtnis des niederländischen Kolonialismus übernommen. In den vergangenen zwei Jahren haben drei oder vier nationale Museen verkündet Ausstellungen zur Geschichte des niederländischen Kolonialismus und der Sklaverei zu organisieren. Ein Beispiel hierfür ist die Ausstellung „Afterlives of Slavery“ im Tropenmuseum. Das ist generell sehr gut. Ich denke Künstler*innen und der Kunst und Kultur Sektor allgemein spielen immer im Vordergrund mit, wenn es um diese Debatten geht. Sie bieten dem Thema eine breitere Diskussionsfläche. Dennoch gab es bereits in den 1990er Jahren in den Niederlanden frühe Ausprägungen im kulturellen Bereich, welche sich mit dem Thema Rassismus in seiner kulturellen Tradition auseinandersetzten. Im Rückblick lässt sich allerdings betrachten, dass dies die Diskussion in gewisser Weise betäubt hat. Ich befürchte, dass wir diesen Typus von Kunst und kultureller Reproduktion genießen, der zugrundeliegende Gedanke um Menschenrechte aber nicht tiefgehend behandelt wird. Das braucht Zeit und ernsthafte Bemühungen. Ich bin ebenfalls Kuratorin, ich organisiere Ausstellungen, aber ich nehme eine sehr tiefe Unterscheidung zwischen Kunst und der institutionellen Ebene vor.  Ich wünschte es gäbe mehr Bestrebungen im Bildungsbereich hinsichtlich des Umgangs mit institutionellem Rassismus. Rassismus findet nicht nur in kulturellen Traditionen statt, es ist Thema für alle Ministerien einer Regierung. Es ist ein weitgehendes politisches Problem. Die Rechte Schwarzer Menschen und BPoCs sollten nicht mehr missachtet werden. Unsere niedere soziale und wirtschaftliche Repräsentation zeigt, dass es noch immer Unterschiede im Einkommen und anderen Bereichen gibt. Dies hat folgeschwere Konsequenzen für die mentale Gesundheit und der sozial-gesellschaftlichen Marginalisierung.

Übersetzung ins Deutsche von Harriet Schulz, Yann LeGall und Paul Urbanski.

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