Das Militärwaisenhaus :
Afrikanische Musiker in Potsdam

Die nördliche Facade des Militärwaisenhauses mit dem Datum des Neubaus im Jahr 1772 (Foto: Y. LeGall)
Die nördliche Facade des Militärwaisenhauses mit dem Datum des Neubaus im Jahr 1772 (Foto: Y. LeGall)

Dies ist ein Gastbeitrag von Stephan Theilig.

Wir befinden uns hier vor dem Militärwaisenhaus. Die Einrichtung war eine Stiftung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., des sogenannten Soldatenkönigs. Er ließ das Militärwaisenhaus im Jahr 1724 eröfnen. Dort sollten Kinder im Christentum, Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden und anschließend einen Beruf erlernen.

Im selben Jahr gründete Friedrich Wilhelm I. am Militärwaisenhaus in Potsdam die erste Militärmusikschule. Für seine stetig wachsende Armee benötigte der Soldatenkönig reihenweise Musiker. In der Militärmusikschule wurden neben preußischen Jungen auch Afrikaner zu Hautboisten, Pfeifern, Trompetern und Tambouren ausgebildet. Die Hautboisten sind nach dem französischen Hautbois benannt, was Oboe heißt.

Für das Jahr 1724 sollen allein in Potsdam 30 Afrikaner als Musiker tätig gewesen sein, darunter 15 im Querpfeiferkorps des Königsregiments. Aber auch jenseits der königlichen Umgebung finden sich in den Hautboistengruppen einzelner Regimenter Afrikaner als Pfeifer oder Tamboure. Dass Musik und Militär eng verbunden waren und Afrikaner in Potsdam lebten, geht zurück auf den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Der Große Kurfürst war der Großvater des Soldatenkönigs.

In Brandenburg-Preußen setzte die Entwicklung hin zu einem stehenden Heer mit dem Großen Kurfürsten ein. Außerdem etablierte er eine etatmäßige Militärmusik. Vor der Existenz der stehenden Heere waren bei den Söldnertruppen sogenannte „Spile“ üblich. Die Spile dienten allerdings nicht als Militärmusik im heutigen Sinne, sondern zur Signalübermittlung oder Stundenmitteilung. Trommler und Pfeifer waren der Infanterie zugeordnet; Trompeter und Pauker waren für die höheren Ränge.

Neben den Signalbläsern entwickelten sich eigene Hautboisten und Trompetergruppen an den Höfen. Diese neuen Gruppen veränderten die bisherige, eher einfache Blasmusik zu einem repräsentativen Kult. Es galt nun: je größer die Trompetenbesetzung und je nobler die Bekleidung der Spieler, desto mächtiger, reicher und angesehener der Dienstherr.

Der Kurfürst beließ es jedoch nicht bei dieser Pracht. Er wollte seine „Musicbanda“ noch besonderer machen. Also stellte er Afrikaner als Trompeter, Pfeifer, Hautboisten oder Trommler an. Dem Exotismus des Kurfürsten folgten auch andere Regimentsinhaber. Berlin und Potsdam setzten damit einen Trend. Feldherren und Armeen in Frankreich und England folgten ihrem Beispiel.

Über die Herkunft der Afrikaner geben die Quellen kaum Auskünfte. Der Musiker Ebnu kam nachweislich aus dem westafrikanischen Guinea. Er wurde 1681 auf den Namen Georg Adolph Christan in Spandau getauft. Bei Ludwig Besemann ist die Herkunft allerdings unklar. Wir wissen, dass er auf Befehl des Kurfürsten die Paukerkunst bei einem Heerespauker erlernen sollte, aber nicht wie er nach Potsdam kam. Die Informationen zu den als Musiker angestellten Afrikanern werden erst für die Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. reichlicher.

Kurz nach seinem Regierungsantrit begann der Soldatenkönig den riesigen Hofstaat seines Vaters umzustrukturieren. Für die afrikanischen Musiker endete damit vorerst das offizielle Leben am Hof. Sie wurden von dem neuen König in sein Garde-Regiment Nr. 6 übernommen. Dieses Regiment ist bekannt als die „Langen Kerls“.

Hier sollten sie als Hautboisten dienen und im Spielmannszug als Querpfeifer und Trommler. Sie trugen fast dieselben Uniformen wie die weißen Spielleute. Aber eben nur fast. Die Schwarzen Musiker wurden mit einem silbernen, zweifingerbreiten Halsband unterschieden. Es handelt sich um ein so genanntes Sklavenhalsband. Außerdem sollten sie einen Ohrring tragen und auf dem Kopf einen Turban, da es unter ihnen zahlreiche Muslime gegeben haben soll.

Aus heutiger Sicht lässt sich der kleine Unterschied klar als Rassismus deuten: Einerseits üben die als „Anders“ wahrgenommenen Musiker eine gewisse Faszinaton auf weiße Preuß*innen aus. Sie sollen als Musiker und Aushängeschild dienen. Andererseits muss ihr zugeschriebenes „Anderssein“ betont und abgewertet werden.

Garnisonkirche
Das Glockenspiel der Garnisonkirche, heute auf der Neuen Plantage im Potsdamer Stadtzentrum (Foto: Y. Le Gall)

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