Oduor Obura: "Wir müssen Namen für die Büsten finden."

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Oduor Obura ist ein kenianischer Autor und Wissenschaftler. Von 2016-2020 arbeitete er als Doktorand an der Universität Potsdam. Er promovierte zu Konzepten von Kindheit in Ostafrika und verfasste Veröffentlichungen zu kolonialen Verwicklungen von Museen. Mit uns spricht er über die vier Figuren von Schwarzen Menschen im Park Sanssouci und über die sogenannte “Spitze des Kilimandscharo” im Neuen Palais.

Postcolonial Potsdam: Du hast den Ort mit den vier Büsten der Afrikaner*innen im Park Sanssouci gesehen, das sogenannte M-Rondell. Dort finden sich außerdem zwei Büsten von Römern, die identifizierbar sind, die vier Schwarze Figuren sind es nicht. Was denkst du über dieses Rondell?

Oduor Obura: Was ich ziemlich auffällig und interessant finde, ist der geneigte Blick der Schwarzen Büsten. Mir hat dieser Blick einen Eindruck von Knechtschaft vermittelt. Die Büsten hätten wie fast alle anderen Büsten im Park so gemacht werden müssen, dass sie einen geraden Blick haben. Metaphorisch gesprochen ist es notwendig, den Blick neu auszurichten, damit die Tourist*innen, die in den Park kommen, einen direkten Blick sehen, anstatt diesen unterwürfigen Blick, den die Büsten hervorrufen.

Ich fand es auch interessant, dass die Büsten nicht identifizierbar sind. Das ist ziemlich überraschend angesichts der deutschen Besessenheit, alles zu dokumentieren und bei ihrer Liebe für Bürokratie. Das Fehlen der historischen Namen ist also eine Schlüsselstelle, die behoben werden muss, wenn man den Park vollständig verstehen will. Da sowohl der Blick der Figuren geneigt ist und ihre Namen fehlen, drückt dieses Rondell eine rassistische Einstellung aus. Ihnen einen Namen zu geben, wäre meiner  Meinung nach ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit für diese Büsten und ihre Modelle. Es wäre wichtig, die Geschichte dieser Büsten zu verstehen: woher sie kamen und wer der Bildhauer hinter den Büsten war?

Einer der 4 Büsten, die Afrikaner*innen im Park Sanssouci darstellen (Foto: Miriam Redzwewsky)

Alternativ wäre ein anderer Umgang mit diesem Rondell möglich: Die Schlüsselfiguren des Rondells sind die vier Schwarzen Büsten, richtig? Um ihre Präsenz und die schwierige Geschichte Schwarzer Menschen in Brandenburg und Preußen zu würdigen, ist es also notwendig, dieses Rondell umzubenennen. Wenn es nicht möglich ist, einen spezifischen Namen auf Grundlage historischer Aufzeichnungen im Zusammenhang mit diesen vier Büsten zu finden, dann könnte man einen Namen aus Ghana oder anderswo finden, der ihre Präsenz stärkt, anstatt diese vier Figuren unbenannt zu lassen. Wir müssen Namen für die Büsten finden.

PP: Könnte man etwas bezüglich der Darstellung von Afrikaner*innen im Park tun?

OO: Ich schlage vor, dass wir diese vier Büsten von unbekannten Afrikaner*innen entfernen. Dann könnten wir eine*n Künstler*in beauftragen, aus Tansania (weil die Deutschen Ostafrika besetzten) oder Westafrika, von wo aus die meisten Menschen in die Versklavung verschleppt wurden. Lasst diese*n Künstler*in neue Büsten mit einer neue Geschichte anfertigen, um an die Besetzung Ostafrikas oder die Geschichte des Versklavungshandels an der westafrikanischen Küste zu erinnern. Diese Büsten sollten anstelle des heutigen Rondells aufgestellt werden.

Außerdem glaube ich, dass auch eine*n Afrika-Expert*in benötigt wird, der*die die Geschichte im Park und in den Schlössern kuratiert. Wir haben den Obelisken mit Gravuren, die offensichtlich keinen Sinn machen. Die Gravuren sollen ägyptische Hieroglyphen darstellen, aber es sind Fälschungen. Ich denke also, der Park kann in eine*n Ägyptolog*in investieren, der*die tatsächliche Hieroglyphen gravieren lassen kann, zumindest wenn diese als Teil der Darstellung einer antiken Zivilisationen in Sanssouci immer noch beibehalten werden sollen.

Oduor Obura vor dem Kilimandscharo Stein im Grottensaal des Neuen Palais (Foto: Yann LeGall)

PP: Du hast mitbekommen, dass ein Stein vom Kilimandscharo im Neuen Palais aufbewahrt wird, direkt neben dem Universitätsgelände, auf dem sich dein Büro in den letzten drei Jahren befand.

OO: Ja. Ich finde es merkwürdig, dass dieser Stein dort sein muss und immer noch ausgestellt wird. Es ist zwar ein sehr kleines Stück, aber seine Symbolik ist riesig. In gewisser Weise ist es ein Zelebrieren der Kolonialgeschichte und eine Aufrechthaltung des Kolonialismus. Ich glaube nicht, dass der Stein dort sein sollte. Wenn ich entscheiden könnte, würde ich den Stein zum Kilimandscharo zurückbringen, oder wegwerfen. Er erinnert mich an deutsche Reisende, Kolonialisten – wie z.B. Carl Peters – und ihre Expeditionen nach Afrika. Und wie einige der Artefakte, die aus Ostafrika mitgenommen wurden, wurden einfach gestohlen oder unfreiwillig hergegeben. Es gab viel Manipulation und vieles wurde herunter gespielt, so dass die Perspektive der Afrikaner*innen bezüglich dieser Ereignisse ausradiert wurde. Ich nehme an, dass selbst dieser kleine Stein eine eigene Geschichte hat, die nicht richtig thematisiert wird. Das Fazit für mich: Bringt den Stein zurück nach Afrika, damit wir die koloniale Ausbeutung durch die Zurschaustellung dieser Artefakte zur Belustigung der Weißen abschaffen können.

PP: Es ist so, dass Besucher*innen und Tourist*innen den Stein nicht sehen können, wenn sie das Neuen Palais besuchen. Sie können nicht direkt an die Wand, an der er sich befindet herantreten. Und der Stein wird überhaupt nicht erwähnt, wenn man das Palais mit einem Audioguide besucht. Es findet eigentlich kein Zelebrieren dieses Artefaktes statt.

OO: Es ist problematisch, dass die Öffentlichkeit nicht darüber informiert ist. Aber sogar wenn der Stein nicht erwähnt wird, bedeutet es nicht, dass wir nicht eine Diskussion über die Tatsache, dass der Stein dort ist, führen können. Wir müssen es trotzdem ansprechen, indem wir uns die schwierige Geschichte von Ostafrika ins Gedächtnis rufen, zumindest wie der Stein hierher gebracht wurde. Wer hat ihn übrigens hergebracht?

PP: Der deutsche Geograph Hans Meyer brachte ihn mit, und schenkte ihn dem Kaiser Wilhelm II. Aber das Original ist seitdem verschwunden. Die Bildunterschrift ist heute noch dieselbe, aber der frühre Stein wurde durch einen ander Stein aus der Sammlung von Hans Meyer, die im Berliner Institut für Geologie ist, ersetzt.

OO: Haha (lacht), es wird noch komplizierter. Ich glaube aber trotzdem, dass es eine Kontinuität gibt. Vor allem weil wir immer noch die Bildunterschrift haben, die ihn auf die deutsche Kolonialpräsenz in Ostafrika zurückführt. Die Geschichte dahinter wird immer noch fortgesetzt. Solange wir noch den Mythos der Entdeckung und Eroberung zu diesem Ausstellungsstück haben, solange – denke ich – müssen wir diese Geschichte entlarven und radikalisieren. Der Stein ist ein Erinnerungsort. Er erinnert an die deutsche Besatzung in Ostafrika. Ihre Herrschaft in Tansania war kein angenehmes Ereignis. Wenn ich als Afrikaner nach Potsdam komme und ein Objekt der Erinnerung vorfinde, das mich an die europäische koloniale Präsenz in Afrika erinnert, müssen wir meiner Meinung nach einen Weg finden, dies zu beheben oder neu zu gestalten. Wir könnten in Erwägung ziehen, das Ausstellungsstück zu entfernen und die Bildunterschrift ebenfalls. Im Grunde genommen müssen wir dekolonisieren.

PP: Asante sana!

OO: Karibu!

Originales Interview auf English
Credits // Interviewer: Yann LeGall
"Spitze des Kilimandscharo - 1890": der Stein im Grottensaal des Neuen Palais (Foto: Yann LeGall)

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