Das chinesische Haus: Ein Beispiel der Chinoiserie des 18. Jahrhunderts

Das sogenannte chinesischen Haus wurde seit seiner Errichtung zeitweise alternativ als Sinesisches oder Japanisches Palais bezeichnet, als indianisches Haus, als Pagode oder Tempel. Diese Namensvielfalt deutet an, dass die architektonischen Bezüge nicht unbedingt für eine Region oder Kultur stehen. Stattdessen stellt das Haus eine Idee von etwas exotischem Asiatischen dar. Interessanterweise wurden die Begriffe indianisch und indisch im 18. Jahrhundert als Synonym für chinesisch verwendet. Indien umfasst in der barocken Namensgebung China und Japan und China umfasst Japan.

Das chinesische Haus in Potsdam
Das chinesische Haus in Potsdam (Foto: Anna von Rath)

Friedrich der Große ließ dieses Haus 1754 errichten. Heute wird es als eins der bedeutendsten Monumente der europäischen Chinoiserie verstanden. Die Chinoiserie beschreibt eine Chinabegeisterung, eine europäische Mode des 18. Jahrhunderts. Man stellte sich das ferne China als ein von Vernunft regiertes Land vor. China galt als Vorbild in gutem Geschmack. Aber kaum ein*e Europäer*in war zu der Zeit tatsächlich schon mal in China gewesen. Ohne unmittelbares Wissen und weit weg von China entstand also die Architektur, Kunst und Literatur der Chinoiserie. Friedrich der Große war begeistert von dieser Mode. Er verfasste selbst unter einem ausgedachten chinesisch klingenden Pseudonym mehrere, philosophische Briefe. Mit dem Teehaus hier im Park Sanssouci errichtete er dem idealen China seiner Fantasie einen Tempel. Nichts an dem Haus hat tatsächlich etwas mit chinesischer Kunst zu tun. Das Haus entspringt den Vorstellungen und Interessen seines Erbauers.

Wenn wir langsam um das Haus herum laufen, sehen wir Dreiergrüppchen, die gemütlich auf kleinen Teppichen unter Palmen sitzen. Die Frauen und Männer sollen elegante Chines*innen darstellen. Sie tragen sogenannte „Chines*innenkostüme“ wie sie am damaligen Theater üblich waren: gegürtete Gewänder, ausladende Kragen, Fantasiehüte und schlanke Stiefel. Zudem gehen sie vermeintlich landestypischen Beschäftigungen nach. Aber eigentlich zeigen die Figuren die Interessen von Friederich dem Großen. Der König liebte tropische Früchte, die damals noch sehr schwer zu bekommen waren. So stellen die Figurengruppen des chinesischen Hauses u.a. den Verzehr von Melonen dar, die Zubereitung einer Jackfrucht und eine Ananasernte. Da die beteiligten Künstler – allesamt Männer – die Früchte nicht kannten, sind ihre Dimensionen teilwiese falsch. Zudem finden sich Darstellungen von Teetrinken, Verzehr einer Suppe mit Tofu und eine Falkenjagd. Produkte wie Tee und Südfrüchte waren zu Friedrichs Zeiten der Inbegriff gehobener Lebensart.

An den Außenwänden des Teehauses sehen wir zwölf weitere Figuren. Sie sollen chinesische Musiker*innen darstellen mit fantastisch abgewandelten Saiten- und Blasinstrumenten. Friedrich der Große spielte selbst leidenschaftlich gerne Querflöte. So muss wohl Musik Teil seiner exotisierenden Darstellung vom Genuss des Lebens sein. China wird als säkularer Paradiesgarten dargestellt, in dem das goldene Zeitalter angebrochen ist. Darauf verweist auch die Vergoldung der Figuren, die bis dahin den Kirchen vor allem für die Darstellung von Engeln vorbehalten war.

Dieser Exotismus klingt erst mal positiv und bewundernd. Tatsächlich ist Exotismus aber ein inhärenter Teil von Rassismus. China wird ästhetisiert und klar als ‚anders‘ konstruiert. Exotisch sind immer nur nicht-weiße Menschen und Regionen. Seiner Herkunft nach bedeutet das Wort ‚exotisch‘ so viel wie ‚ausländisch‘ oder ‚fremdländisch, überseeisch‘ und fand während des Kolonialismus Eingang in die deutsche Sprache.

Das chinesische Haus deutet also auf eine koloniale Praxis hier vor Ort in Potsdam hin. Friedrich der Große hatte selbst keine Kolonialbestrebungen im Ausland, sondern war mehr daran interessiert Preußen regional zu stärken. Aber die Freundschaft mit den niederländischen und dänischen Königshäusern und der Schutz, den Friedrich z.B. 1751 der in Emden begründeten Ostasiatischen Handelskompanie gewährte, erlaubten die Teilhabe am internationalen Handel und die Einfuhr von so genannten exotischen Gütern und Gegenständen.

Heute dient das chinesische Haus immer noch als besondere Attraktion im Park Sanssouci. China wird weiterhin exotisiert.

Text von Anna von Rath

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